Die Zweitakter-Problematik

Wir alle kennen das: man sitzt bei seinem Lieblings-Italiener auf der Terrasse, will sein Schlafzimmer lüften oder einfach nur seine Ruhe haben — prompt knattert einer dieser lauten, stinkenden Zweitakter vorbei! Penetranter Benzol-Geruch und eine unangenehme Stimmung machen sich breit, dass einem schier die Pasta von der Gabel fällt. Die Abgase halten sich so hartnäckig, dass man Rekorde im Luftanhalten aufstellen müsste, um ein Einatmen zu vermeiden. Und hat sich die Luft gerade wieder geklärt, kündigt ein sägendes Geräusch aus der Ferne weiteres Unheil an. Ähnliche Belästigungen erfährt man, wenn man gezwungen ist, mit dem Fahrrad oder Auto hinter einem Zweitakter herzufahren.

Wurden Zweitakter früher als Mobilitätslösung des kleinen Mannes belächelt, gelten die einschlägigen Modelle heute als kultig-coole Lifestyle-Objekte, die aus der urbanen Kultur kaum wegzudenken sind und für die die stolzen Besitzer auch bereit sind, so manchen Schein auf den Tisch zu legen. Getrieben durch verlockende Marketing-Kampagnen, auch für komplett andere Lifestyle-Produkte, wurde hier mit fragwürdigem Erfolg eine betagte Nachkriegs-Technologie als urbaner Chic der Neuzeit etabliert. Die Branche erfreute sich über einen regelrechten Boom und steigerte die Verkaufszahlen um 15 % gegenüber dem Vorjahr, berichtete das Magazin Focus im Jahr 2009. Und man wird den Eindruck nicht los, dass täglich neue Scheunenfunde im Stuttgarter Kessel aufschlagen, um fürs urbane Leben fit gemacht zu werden. Häufig anzutreffen sind insbesondere Motorroller wie die Piaggio Vespa (gebaut seit 1946) und die Simson Schwalbe (1964-1986). Neuerdings entdeckt man auch immer mehr Lastendreiräder wie die Piaggio Ape (seit 1947). Neben privater Nutzung sind die Zweitakter auch bei Gastronomen und Lieferdiensten im Einsatz.

Design-Ikone und Dreckschleuder seit 1946: die Piaggio Vespa. Die elektrische Variante war seit Jahren angekündigt, vor Weihnachten 2018 stand sie dann endlich in den Läden.

Die Zweitakter-Emissionen

Krafträder mit Zweitaktmotoren, die mit Benzin-Öl-Gemisch fahren, stoßen 124 Mal so viele gesundheitsschädliche Kohlenwasserstoffe (u.a. das krebserregende Benzol) und 771 Mal so viele organische Aerosole (Feinstaub) aus wie Viertakter. Dies hat eine von internationalen Forscherteams am Paul Scherrer Institut (Villigen, Schweiz) durchgeführte Studie aus dem Jahr 2014 ergeben. Im Leerlauf sind die Feinstaub-Abgas-Emissionen der Zweitakter dabei vergleichbar mit denen im Lastbetrieb. Besonders bedenklich ist der Ausstoß von Benzol im Leerlauf in einer Konzentration von 300.000 μg/m³; das ist das 60.000fache des erlaubten Jahresmittelwerts von 5 μg/m³. Laut den Autoren der Studie kann bereits kurzes Warten hinter einem Zweitakter hochgradig gesundheitsschädlich sein. Und durch Alterung bzw. Oxidation der Abgase entstehen weitere reaktive und giftige Substanzen. Daher werden solche Fahrzeuge von den Autoren der Studie als „Super-Polluter“ eingestuft.

Aber nicht nur das:

  • Für Kleinkrafträder bis 50 cm³ Hubraum gibt es weder eine regelmäßige technische Überwachung noch eine Abgasuntersuchung. Für ältere Krafträder (Erstzulassung vor 1989) gibt es generell keine Abgasuntersuchung. Daher kann es aufgrund mangelnder Wartung zu noch höheren Schadstoff-Emissionen kommen.
  • Oft geben die Nutzer zu viel Öl ins Gemisch, nach dem Motto „gut geschmiert, hebt länger“, was den Schadstoffausstoß noch weiter erhöht.
  • Aufgrund von Leckage bei mangelhafter Wartung kommt es oft zu öligen Lachen auf Straßen und Bürgersteigen.
  • Die Zweitakter verursachen überdies einen erheblichen Lärm. Mangelnde Wartung oder schwer zu ahndende Manipulationen können die Lärmentwicklung noch verstärken.

Die aktuellen Abgasnormen (Euro 4) für Krafträder lassen seit dem 1. Jan. 2018 zwar bis auf Ausnahmen (z.B. Piaggo Ape Lastendreirad) so gut wie keine neuen zweitaktigen Krafträder mehr auf die Straße, aber generell sind die Normen für neue Krafträder mit Verbrennungsmotor weit weniger streng als für PKW:

  • Für Kleinkrafträder bis 50 cm³ Hubraum gibt es keine Regulierung der Feinstaubemissionen.
  • Für Krafträder mit mehr als 50 cm³ Hubraum ist die Partikelmasse auf 80 mg/km begrenzt, ein Wert vergleichbar mit Euro 2 (1996) bei Diesel PKW.

Mit anderen Worten: auch frisch ausgepackte Euro 4 Krafträder bieten keine wirklich emissionsarme Alternative.

60km/h schnell und beliebt bei Schraubern: die Simson Schwalbe. „Wer gute Luft will, der muss halt aus der Stadt wegziehen“, Zitat eines Stuttgarter Schwalbe-Fahrers (Sommer 2018).

Zweitakter-Fahrer schaden auch sich selbst!

Die Zweitakter-Fahrer schaden mit ihren unzeitgemäß hohen Abgas-Emissionen nicht nur ihren Nachbarn und Mitmenschen sondern letzlich auch sich selbst:

  • Bei Benzol-Konzentrationen über 1 p.p.m. (v) über eine Dauer von 15 Minuten ist in den USA das Tragen vom Atemschutzmasken empfohlen. Im Leerlauf beträgt der Benzol-Ausstoß eines Zweitakters das 146fache dieses Grenzwertes. Daher empfehlen wir den Fahrern von Zweitaktern das Tragen von Atemschutzmasken, denn die Zweitakter-Fahrer atmen im Stop-and-Go Betrieb zwangsläufig enorme Mengen toxischer Substanzen ein.
  • Eine Alternative ist das Betanken der Zweitakter mit emissionsarmen, aber in der Regel teureren Kraftstoffen wie Alkylatbenzin. Es handelt sich dabei um einen benzolfreien, vorgemischten Spezialkraftstoff, der primär in Arbeitsgeräten eingesetzt wird, um die toxischen Abgase zu reduzieren. Trotz der höheren Kosten appellieren wir an die Zweitakter-Fahrer, statt üblichem Tankstellenbenzin das emissionsarme Alkylatbenzin zu verwenden, insbesondere in urbanen Gebieten.

Zum Schutz vor sich selbst empfehlen wir den Zweitakter-Fahrern das Betanken mit Alkylatbenzin! Oder sonst das Tragen einer Gasmaske!

Immer häufiger auf Stuttgarter Straßen: Lastendreirad Piaggio Ape. Die zweitaktige Landmaschine erfüllt neuerdings die laxe Euro 4 Abgasnorm. Neufahrzeuge dürfen auch nach dem 1. Jan. 2018 noch verkauft werden und unbegrenzt Feinstaub aus dem Auspuff knattern lassen. Ab Werk sind keine elektrischen Varianten erhältlich. „Atemlos durch die Stadt …“

Ahnungslosigkeit in den Kommunen

Kleinkrafträder sind zulassungsfrei und werden daher von den Statistiken der Kommunen nicht erfasst. Die Anzahl der Kleinkrafträder pro Kommune lässt sich also nur grob schätzen; auch das Kraftfahrt-Bundesamt kennt diese Zahlen nicht. Das wurde uns vom Kraftfahrt-Bundesamt im Okt. 2018 telefonisch mitgeteilt. Auch in Stuttgart sind die Zahlen für zulassungsfreie, überwiegend zweitaktige Kleinkrafträder nicht bekannt. Es ist plausibel, von etwa 16.000 Zweitaktern im Stadtgebiet von Stuttgart auszugehen. Diese Zahl haben wir aus bekannten Statistiken abgeleitet, z.B. waren in Stuttgart 2017 über 24.000 Krafträder mit mehr als 50 cm³ Hubraum gemeldet.

In kommunalen Wirkungsstudien zu Emissionsursachen werden die hohen Feinstaub-Abgas-Emissionen der Zweitakter nicht berücksichtigt, so auch in den Studien zum Luftreinhalteplan 2017 der Stadt Stuttgart. Solche Studien beruhen in der Regel auf dem Handbuch für Emissionsfaktoren des Straßenverkehrs (HBEFA), das die Feinstaub-Abgas-Emissionen aller motorisierten Krafträder einfach als Null angibt. Tatsächlich dürfte der Feinstaub-Beitrag der Zweitakter erheblich sein.

Unsere Berechnungen für das Stadtgebiet Stuttgart haben ergeben, dass 10% der Feinstaub-Gesamtemissionen Straßenverkehr aus Zweitakter-Abgasen stammen und dass sich die Feinstaub-Grenzwert-Überschreitungstage im Zeitraum Jan.-Sept. 2018 durch einen Umstieg auf elektrisch angetriebene Krafträder von 16 auf 12 (-25%) reduzieren würden.

Höchste Zeit zu handeln!

Die Tatsache, dass unerwartet hohe Feinstaubwerte auch in der wärmeren Jahreszeit bei Abwesenheit von Inversionswetterlagen auftreten (z.B. deutliche Überschreitung der Feinstaub-Grenzwerte in Stuttgart am 27. April 2017) deutet auf  unbekannte bzw. unterschätzte Quellen hin. Wie hier aufgezeigt wurde, sind die Zweitakter so eine unterschätzte Quelle.

Wir haben es uns daher zur Aufgabe gemacht, die Allgemeinheit über die hohen Schadstoff-Emissionen der Zweitakter aufzuklären, in der Hoffnung, dass die Fahrer sich für einen Umstieg auf eine der zahlreichen emissionsfreien Alternativen begeistern können.

Denn für uns gilt: Coolness darf nicht zu Lasten Anderer gehen!

Also: Nur gucken, nicht anlassen!

Oder wenn Ihr es gar nicht lassen könnt, dann fahrt doch bitte mit Alkylatbenzin, wenigstens in der Stadt!